23
Sep
2008

prof.schiwago

der dorfbüttel kommt mit seinem holder angerast, parkt rückwärts ein und ist erstmal empört, dass er mit anpacken soll. davon habe der ortsvorsteher nichts gesagt. wir also rein ins haus. im keller steht das gute stück, ein lehrerpult aus der alten dorfschule. damals haben sie das mobiliar verkauft und george schiwago hatte das seltene möbel erworben. schiwago selbst ist schon abgereist nach den USA, er wird nicht mehr ins dorf zurückkommen. er ist achtundachzig, seine frau ist gestorben, er verkauft das haus und verschenkt das alte lehrerpult an das dorfmuseum, welches der örtliche kulturverein einzurichten plant. die putzhilfe olga von nebenan hilft, weil der büttel einen bandscheibenvorfall hatte. wir heizen runter ins dorf, er parkt abermals mit dem holder rückwärts ein, obwohl das gar nicht nötig wäre, und wir schleppen das teil in die lagerscheune. schiwago war 1920 geboren worden, in st. petersburg. mit zwei jahren setzten ihn seine eltern in einen zug nach litauen, wo er bei seinen großeltern aufwuchs. seine jüngere schwester, die er nie gesehen hat, starb in den dreißiger jahren an meningitis, die eltern sind später in st. petersburg verhungert. noch während des krieges studierte er in berlin und dann in münchen chemie. er habe viel glück gehabt, sagte er mir im frühjahr beim letzten gemeinsamen tee, zu dem er mich eingeladen hatte. insbesondere, da er nicht zur wehrmacht oder gar zu weit schlimmeren einheiten eingezogen worden war. nach dem kriege promovierten er und seine kroatische frau in innsbruck, übersiedelten danach nach australien und in den sechzigern dann nach chicago, wo er eine professur bekommen hatte. ich lernte schiwago mit acht jahren kennen, als er als untermieter ins seit zwei jahren verwitwete elternhaus einzog. er war gastdozent in der nahen kleinstadt und freundete sich alsbald mit der mutter an. ich erlebte vier schöne jahre mit ihm, schön auch, weil ich spürte, wie gut es meiner mutter ging mit ihm. er war lustig, er trank gerne vodka, wurde dann immer lustiger und sang alte litauische lieder oder den doktor schiwago mit zuletzt immer irgendwie tränen in den augen. er erzählte wilde geschichten von früher. er sagte "gnädige frau!", was mir imponierte, und die beiden bereisten auf der straße und während einiger kreuzfahrten so allerlei länder. er fuhr einen weißen porsche, er ritt und er focht und alles an ihm roch immer nach leder. er liebte meinen hund, brachte diesem das bellen bei und aus meiner sicht hätten die beiden ein gutes paar gegeben und ruhig zusammenbleiben können. irgendwann dann aber kam meine mutter einer anderen dörflichen liäson auf die spur und das verhältnis kühlte ab. schlussendlich wohnte seine inzwischen angereiste frau für ein paar monate zur untermiete im haus, während ein paar meter weiter ebenjenes entstand, welches nun verkauft wird. frau dr. schiwago hat man all die jahre nie gesehen, keiner. es heißt, sie las den ganzen tag kriminalromane und trauerte auf dem sofa der kuk-monarchie nach. und sie mochte keine kinder. ihr toilettenstuhl steht jetzt noch am bett, im regal die krimis, das grundstück ist mit den hohen bäumen sehr eingewachsen und wirkt ein wenig unheimlich. die ältere schicke nachbarin, die den schlüssel verwaltet und von der ich mir als jugendlicher immer heimlich gewünscht hatte, dass sie mir zeigt, wie der sex geht, die jedenfalls meinte, ich könne alles, was ich haben wolle, gerne mitnehmen, der rest würde ohnehin von der entrümpelung abgeholt. nach anfänglichem zögern habe ich mir also einen echten kleinen perser ausgesucht. eine reitgerte, einen reiterhelm für den kirschkern, einen eins-a zeiss/ikon-diaprojektor, eine unbenutzte nagelschere, ein salzfass von mies van der rohe, ein schönes schnapsglas. den harman-kardon röhrenverstärker habe ich dortgelassen, nicht jedoch die gut erhaltenen lederhandschuhe sowie eine neuwertige packung brillenputztücher, zur erinnerung. das also war mister schiwago, der natürlich nicht schiwago hieß, sondern anders, aber mindestens ebenso schön. möge er also noch lange leben da drüben am großen see.
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